Der Abschied
Bangkok – 36 Grad im Schatten, 85 % Luftfeuchtigkeit. Die Stadt vibriert - wie immer. Auf der 8-spurigen Phathon Yothin fahren Autos, Busse, Motorräder kreuz und quer durcheinander. Auf den Bürgersteigen umkurven Motorroller die Fußgänger. Über allem hängt der Geruch der Essensstände und der Smog.
Bevor ich mich nach dem langen Flug auf den Weg in den Süden Thailands mache, muss ich noch eine Aufgabe erledigen. Ein Treffen mit Sam, der Liebe meines Lebens! Sam, der in Bangkok lebt und sich niemals von seiner Frau trennen wird. Schon seit langem ist sie schwerst pflegebedürftig.
Seit Jahren treffen wir uns, meistens in Asien, seit Jahren schreiben wir uns. Anfangs Briefe, später E-Mails. „Der Vorteil an Briefen ist, dass sie handgeschrieben sind und der Partner das Papier in der Hand gehalten hat“, denke ich. „Briefe kann man immer wieder anfassen und fühlt sich seinem Partner dadurch noch näher. Der Vorteil von E-Mails ist allerdings, dass man sie abschickt und sofort eine Antwort erhält…“ So war es auch diesmal.
„Ich komme nach Thailand, kann aber nicht in Bangkok bleiben“, schrieb ich ihm. „Können wir uns dennoch kurz sehen?“
Postwendend kam die Antwort „Ich freue mich auf dich!“
Treffpunkt ist an der kleinen Garküche am Skytrain Mo Chit – wie immer, wenn wir uns sehen. Direkt hinter der Ampel an der Phathon Yothin, mitten im Dreck und Dunst der Stadt. Ich halte Ausschau nach meinem Liebsten und als ich ihn erblicke, steigt mir ein Kloß in die Kehle. Auch er ist in die Jahre gekommen, längst nicht mehr so agil und jung wie damals, als wir uns das erste Mal trafen. Dennoch ist er für mich der attraktivste Mann der Welt.
Ich winke ihm zu, kann seine Freude, mich zu sehen, allerdings kaum ertragen. Schließlich steht er vor mir.
Wir schauen uns lange an, bevor wir uns umarmen. Zärtlich umfasst er mich. „Mein Herz, wie geht es dir?“ fragt er liebevoll.
„Bestens“, antworte ich und wende mich dabei ab. Er soll meine Tränen nicht sehen.
„Bestens“, antworte ich nach einiger Zeit nochmals, schmiege mich an ihn und atme seinen Duft ein. „Aber es gibt etwas, was ich dir erzählen muss!“
„Was ist los meine Schöne?“
„Sam …“ fange ich an.
„Ja?“
„Sam …“ druckse ich herum, kann ihn dabei kaum anschauen, weil es mir so schwer fällt. „Wir können uns nicht mehr sehen“, antworte ich schließlich. “Ich habe mich in einen anderen Mann verliebt und werde diesen demnächst heiraten.“ Der Kummer in seinen Augen bricht mir schier das Herz. Schnell mache ich mich aus seinem Arm frei. „Es tut mir leid.“ Rasch gebe ich ihm einen letzten Kuss auf die Wange. „Ich danke dir für die wunderschöne Zeit!“
Ich gebe ihm keine Gelegenheit, mich festzuhalten oder auch nur zu antworten. Eilig laufe ich über die Straße, deren Ampel zum Glück gerade grün ist. Vor Tränen blind gehe ich zum Northern Bus Terminal, nehme den ersten Ticketcounter und löse ein Ticket auf eine Insel im Osten Thailands. In der Tasche die Diagnose meines Arztes, dass ich nur noch 6 Wochen zu leben habe …